Hamburg ist nicht nur für seinen Hafen, seine Schiffe und Fleete bekannt, sondern auch für Traditionszweige, deren Bedeutung längst weit über die Landesgrenzen hinausreicht. Ein herausragendes Beispiel dafür ist der Bau von Klavieren und Flügeln bei „Steinway & Sons“. Es handelt sich hierbei nicht bloß um eine renommierte Marke, sondern um eine faszinierende Geschichte handwerklicher Meisterschaft, die maßgeblich zum weltweiten Ruf der Elbmetropole beigetragen hat. Das Phänomen, das als „Steinway-Effekt“ bezeichnet wird, machte die Hansestadt zum weltweiten Zentrum für den Bau von Konzertflügeln der Premiumklasse. Mehr darüber, wie Hamburg zur Welthauptstadt der Flügel wurde, erfahren Sie auf hamburgtrend.
Die Geschichte der Marke „Steinway & Sons“
Die Wurzeln der berühmten Marke liegen ursprünglich nicht in Hamburg, sondern in den USA. Heinrich Engelhard Steinweg wanderte nach Amerika aus und passte nach seiner Emigration seinen Namen der englischen Schreibweise an – zu Henry E. Steinway. Zunächst arbeitete er zusammen mit seinen Söhnen in verschiedenen Klavierwerkstätten, bevor sie 1853 ihr eigenes Unternehmen gründeten. So entstand die Firma „Steinway & Sons“, die bereits zwei Jahre später den ersten Preis auf der renommierten Industrieausstellung der American Institute Fair in New York gewann. Steinway-Instrumente wurden 1862 auf den Weltausstellungen in London, 1867 in Paris und 1876 in Philadelphia präsentiert. Bis 1858 beschäftigte das Unternehmen bereits 100 Mitarbeiter, 1860 waren es schon 300. Trotz harter Konkurrenz erlangte Steinway innerhalb weniger Jahre weltweite Anerkennung auf dem Markt für Klaviere und Flügel. 1872 organisierte Steinway eine über 200 Konzerte umfassende Tournee mit dem Pianisten Anton Rubinstein, was maßgeblich zur Popularisierung der Flügel beitrug.

Im Jahr 1880 eröffnete das Unternehmen eine europäische Produktionsstätte in Hamburg. Damit entstand die zweite Fabrik – die Hamburger Pianofabrik Steinway & Sons. Dies geschah mitten im Zeitalter der Hamburger Industrialisierung, als der Schiffbau, der Maschinenbau und andere Industriezweige florierten. Dank des Hafens bot sich die ideale Möglichkeit, fertiggestellte Instrumente schnell und zuverlässig in europäische Länder und nach Übersee zu liefern. Zunächst befand sich die Manufaktur in der Schanzenstraße (damals Neue Rosenstraße). Zwischen 1923 und 1928 wurde ein moderneres Werk am Rondenbarg in Bahrenfeld errichtet – wo die Produktion bis heute angesiedelt ist. Heutzutage bedienen die beiden Manufakturen in New York und Hamburg gemeinsam den weltweiten Markt.
Bemerkenswert ist, dass im Hamburger Werk rund 80 % der Arbeiten von Hand ausgeführt werden – nach Techniken, die seit dem 19. Jahrhundert weitgehend unverändert geblieben sind. So nimmt beispielsweise die Entstehung eines einzelnen Konzertflügels des Flaggschiffmodells D-274 fast ein ganzes Jahr in Anspruch, da das Holz unter anderem eine langwierige, mehrstufige natürliche Trocknung an der Luft im feuchten Hamburger Klima durchlaufen muss. Als Markenzeichen der Hamburger Handwerkskunst gilt auch die patentierte Methode des kontinuierlichen Biegens des Flügelgehäuses (Rim Bending). Schichten aus Hartholzahorn und Mahagoni werden verleimt und unter hohem Kraftaufwand mehrerer Klavierbauer in speziellen Pressen zu einem einzigen nahtlosen Korpus gebogen. Dies verleiht dem Instrument seine akustische Geschlossenheit und Stabilität, für die Hamburger Flügel von führenden Pianisten weltweit geschätzt werden.
Die Entstehung eines Flügels in Hamburg
Jeder Steinway-Flügel ist ein Unikat: Er setzt sich aus mehr als 12.000 Einzelteilen zusammen, die im Zusammenspiel den charakteristischen Klang erzeugen. Maßgeblichen Einfluss auf das Klangbild hat auch die Holzauswahl, denn vor der Verarbeitung lagert das Holz bis zu zwei Jahre auf dem Holzlagerplatz. Der Entstehungsprozess umfasst die Holzauswahl und -trocknung, die Fertigung des Gehäuses, den Bau des Resonanzbodens, das Einpassen der Gussplatte, die Montage, Regulierung, Oberflächenbehandlung sowie die klangliche Feinabstimmung und Intonation.

Wesentliche Besonderheiten bei der Fertigung eines Steinway-Flügels in Hamburg:
- Der Korpus (Rim) wird in Form gebracht und verbleibt danach rund 100 Tage im Trockenraum zur Konditionierung.
- Der gesamte Fertigungszyklus eines Flügels dauert bis zu einem Jahr.
- Harmonische Verbindung traditioneller Handarbeit mit hochpräzisen Fertigungsmethoden.
- Jährlich werden in der Hamburger Manufaktur von „Steinway & Sons“ rund 1.300 Instrumente gefertigt.
Die herausragende Rolle Hamburgs im Premium-Flügelbau wurde 2017 durch die Einweihung der Elbphilharmonie noch weiter unterstrichen. Im Großen Saal treten gefeierte Virtuosen aus aller Welt auf, und mehr als 95 % aller Konzertpianisten weltweit bezeichnen den D-274 als ihren bevorzugten Flügel. Auch in der Elbphilharmonie stehen mehrere Konzertflügel aus der Hamburger Manufaktur von „Steinway & Sons“ zur Verfügung.
Zwischen Tradition und Moderne
Seit der Gründung hat Steinway & Sons rund 627.200 Instrumente hergestellt. Zu den bekanntesten Modellen gehört der D-274 – ein legendärer Konzertflügel, dessen Konstruktion als unübertroffen gilt. Neben der Neufertigung widmet man sich in Hamburg auch der Restaurierung historischer Flügel. Bisweilen werden Instrumente zur Generalüberholung angeliefert, die bereits in den 1920er-Jahren gefertigt wurden. Nach einer umfassenden Instandsetzung kehren sie zu ihren Besitzern zurück – wieder bereit für jahrzehntelangen Spielgenuss auf höchstem Niveau.
Gleichzeitig verschließt sich auch ein traditionsreiches Handwerk nicht dem technischen Fortschritt. Zu den modernen Innovationen von Steinway zählt unter anderem das bahnbrechende Spiriocast-System. Ausgewählte Flügel, die die Manufaktur verlassen, sind mit dem hochauflösenden Selbstspielsystem Spirio ausgestattet. Dies ermöglicht es Musikliebhabern, ihr eigenes Spiel aufzunehmen und wiederzugeben oder Live-Performances von Künstlern in Echtzeit auf dem eigenen Flügel zu Hause mitzuerleben.
Übersicht zur Hamburger Steinway-Produktion
| Aspekt | Details / Kennzahlen |
| Eröffnungsjahr der Hamburger Manufaktur | 1880 |
| Anzahl der Einzelteile pro Instrument | Über 12.000 |
| Produktionsstandorte von „Steinway & Sons“ | Hamburg und New York |
| Mitarbeiterzahl am Standort Hamburg | Laut Unternehmensangaben rund 500 |
| Standort der Manufaktur | Rondenbarg 10, Hamburg |
So verdeutlicht die Geschichte von Steinway in Hamburg nicht nur die außergewöhnliche Expertise der Klavierbauer, sondern auch tief verwurzelte kulturelle Traditionen. In der Stadt entstehen nicht bloß Flügel – hier wird eine der letzten großen Werkstätten bewahrt, in denen weltberühmte Musikinstrumente maßgeblich durch meisterhafte menschliche Hände geschaffen werden.
Verwendete Quellen:
- https://www.news.at/wirtschaft/steinway-sons-handwerk-geschichte-2026
- https://www.derhamburger.info/portraet-artikel/steinway-%26-sons-hamburg
- https://www.vfhg.de/steinway-sons-seit-145-jahren-weltberuehmte-konzertfluegel-in-hamburg/
- https://eu.steinway.com/de/steinway-entdecken/manufaktur
- https://www.thenationalnews.com/arts-culture/music-stage/2025/10/10/a-year-in-the-making-of-a-steinway-grand-piano/
- https://eu.steinway.com/en/discover-steinway